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Mit der Hand am Arm
Text: Gabriele Werner | Fotos: FREYLER

Mit der Hand am Arm

Der Mann, den sie „Meister der Handskizze“ nennen: Stefan Gauss von der Firma Freyler Metallbau zeichnet im Gespräch mit Architekten und Bauherren simultan die technischen Details auf Papier. Was schätzen seine Kunden an dieser Arbeitsweise am meisten? Und wie viel Skizze steckt später in der Umsetzung?

Herr Gauss, in welchem Moment haben Sie Ihre Begabung zum händischen Skizzieren komplexer technischer Lösungen entdeckt? Das war im Studium in den stundenlangen Vorlesungen. Ich bin gelernter Schlosser und habe während der Ausbildung den ersten Durchgang zum Metallbauingenieur an der Dualen Hochschule in Mosbach mitgemacht. Der Studiengang war damals noch sehr maschinenbaulastig. Ich aber war an Metallbau interessiert. Und da habe ich mich während der Vorlesungen mit dem Skizzieren beschäftigt. Mittlerweile halte ich selbst seit 25 Jahren Vorlesungen für Metallbau in Mosbach. Und raten Sie mal, was ich allen meinen Studierenden beibringe?

Das Skizzieren? Bei mir gibt es kein Lineal, kein kariertes Papier, sondern ausschließlich die Hand am Arm!

Warum ist Ihnen das so wichtig? Diese ganzen Hochglanzvisualisierungen heutzutage vermitteln den Eindruck von absoluter Richtigkeit. Das Gegenüber sieht ganz genau, wie etwas ausschauen wird. Und danach, in der technischen Bearbeitung, haben Sie praktisch keine Möglichkeit mehr, irgendwelche statischen oder technischen Einflüsse zu integrieren. Mit einer Handskizze aber wird jedem klar, worüber geredet wird. Es geht dabei nicht um eineinhalb Millimeter. Da geht es um das Wesent­liche. Und das lässt sich sogar mit einem dicken Bleistift auf einem Stück Karton zeigen. Wenn Sie zum Beispiel auf der Baustelle einem Monteur etwas erklären wollen, hilft eine Skizze immer – egal, welche Sprache er spricht.

Meister der Handskizze
Meister der Handskizze

Ist es nicht auch ungemein praktisch, wenn Sie die Dinge live und in Echtzeit aufzeigen können? Na klar, man ist superschnell. Ich kann den Architekten sofort zuarbeiten, ohne den Laptop hochzufahren, ohne „leider ist meine Cloud gerade abgestürzt“. Und ich kann sogar auf mögliche Schwierigkeiten hinweisen. Wenn ich anhand einer Skizze sagen kann: Hier gibt es diese oder jene Probleme in der Ausführung oder der Technik, dann ist das für das Gegenüber – ob Bauherr oder Architekt – immer ein Gewinn. Das schafft Vertrauen: Der Gauss hat verstanden, worüber wir reden.

Die Sprache des Architekten und Ingenieurs ist die Zeichnung.
Die Sprache des Architekten und Ingenieurs ist die Zeichnung.

Dafür braucht es neben der fachlichen Kompetenz sicher enorme Übung. Natürlich, das lernt man nicht innerhalb von vierzehn Tagen. Seit 2007 sammle ich meine Scribbles jetzt in Skizzenbüchern. Mittlerweile bin ich bei Buch Nummer 48 angelangt. Manchmal, wenn ein Techniker nach Wochen zu mir kommt und sagt: Herr Gauss, die eine Skizze habe ich mir nicht kopiert, sage ich: Kein Problem!

Eine Handskizze hat ja auch eine ­ästhetische Qualität, sie trägt den ­individuellen Ausdruck des zeichnenden Menschen. Es geht ja auch um Menschen! Wie sie leben, wie sie arbeiten, wie sie sich dabei fühlen. „Menschen bauen für Menschen“, heißt der Freyler-Slogan. Ich würde da gern noch „Menschen bauen mit Menschen“ ergänzen. Es geht beim Bauen um Zusammenarbeit. Darum, dass man sich versteht. So wie beim neuen Headquarter von Teamtechnik, der „modernen Denkfabrik für hochqualifizierte Ingenieure“, wie es genannt wird. Ein Generalunternehmer hat uns gefragt, ob wir die Fassadenleistung mit anbieten wollen. Wir haben ein Angebot mit Skizzen abgegeben und dadurch die Möglichkeit bekommen, gleich beim ersten Gespräch mit dem Bauherren und dem Architekten dabei zu sein. Die besondere Herausforderung lag in der vollkommen unauffälligen Integration der Lüftungselemente in die Decke. Wie das funktionieren kann, habe ich mit dem Architekten direkt am Tisch entwickelt! Und pünktlich zum 40-jährigen Jubiläum – nach nur fünf Monaten Bauzeit – hat der Anlagenhersteller Teamtechnik seine neue Zentrale eingeweiht.

Wie viel Prozent der Skizzen aus dem Erstgespräch sind im finalen Ergebnis noch enthalten? Alles! Das ist die Grundlage für die gesamte Umsetzung.

Wie war es für Sie, als Sie vor dem fertigen Gebäude standen? Ich habe mich gefreut wie ein Kind.

Von der Gesprächsskizze zur Hightech-Fassade:  das Teamtechnik-Headquarter in Freiberg
Von der Gesprächsskizze zur Hightech-Fassade: das Teamtechnik-Headquarter in Freiberg