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Hüter des Lichts
Text: Lars Thieleke | Fotos: iStock, Milenco Tesic, Philipp Urabl, Wolfgang Thaler

Für die Menschen darunter ist ein Glasdach viel mehr als das Sahnehäubchen eines Gebäudes: Lichtspender, Wärmeregler, Stimmungsaufheller, Augenschmaus – und für die Meister der Archi­tektur ein wahrer Ideenspielplatz. So wie beim Einkaufszentrum Fischapark. Hier ist es dem Architekten gelungen, seine Vision für ein einzigartiges Glasdach-Design mit Detailteufeln wie Energie-Eintrag, Entwässerung, Belüftung und Beleuchtung zu vereinen.

Herz aus Licht: Die Struktur überspannt das Atrium des Einkaufszentrums
Herz aus Licht: Die Struktur überspannt das Atrium des Einkaufszentrums
Niemals gleich, stets faszinierend: die Lichteffekte auf einer Glasfassade wie der des Fischaparks

Was hat ein Einkaufszentrum mit einem Gebirge gemein? „Wenn Sie im niederösterreichischen Ort Wiener Neustadt stehen, blicken Sie auf einen 2.000 Meter hohen Gebirgszug: den Schneeberg. Ich habe diesen Blickbezug im Entwurf des Fischaparks aufgegriffen – die ­Silhouette des Schneebergs finden Sie in den Konturen des Gebäudes wieder“, erklärt ­Philipp Urabl vom Wiener Büro Architektur­Consult. 

Ein Gebäude wie ein Alpenmassiv. Und ein perfektes Beispiel dafür, wie frei Architekten heutzutage Glasdächer gestalten können. Im Fischapark blicken die Gäste nun von innen zum Gipfel auf: Über der ringförmigen Mall schwebt ein Dach aus zwei kegelförmig aufsteigenden Stahl-Glas-Konstruktionen mit einer Gesamtfläche von 1.730 Quadratmetern, in denen Urabl die Geometrien des Gipfelmassivs mit den praktischen Anforderungen eines Einkaufszentrums vereint hat. Sein Auftrag gab vor, den Verkaufsräumen im Inneren einen gedämpften, gestreuten und somit angenehmen Lichteinfall zu schenken. Seine größte Herausforderung lag in der Balance aus viel Licht und geringem Wärme-Eintrag.

Einzigartig: Die Linien des Einkaufszentrums Fischapark sind denen des Schneebergs nachempfunden
Einzigartig: Die Linien des Einkaufszentrums Fischapark sind denen des Schneebergs nachempfunden

Der Architekt überließ nichts dem Zufall. Um die Lichtsituation unter dem Glasdach exakt berechnen zu können, baute er ein Modell und ging mit ihm ins Lichtlabor: Bei der Firma Bartenbach in Aldrans, Tirol, simulierte er Tages- und Jahreszeiten mit unterschiedlichen Sonnenständen. Das Modell musste einiges einstecken, Urabl klebte und knickte so lange, bis er die Lichtlenkung für sein gewünschtes Raum­empfinden gefunden hatte. 

Dann machte er sich an die Umsetzung. Zuerst dachte er an eine Silikon-Lösung für das Fassadenprofil, verwarf diese jedoch wieder. Schließlich bildete er die Glaskuppeln auf einer Unterkonstruktion aus Stahl aus und wählte dafür das aufgeschraubte Grundprofil aus dem RAICO-­Fassadensystem THERM+ H-I. „Das System hat’s entscheidend vorangebracht“, blickt er zurück und erklärt: „Mit dem modularen Aufbau des Systems und dem durchgehenden Schraubkanal im Stahlprofil war ich komplett unabhängig von den Schraubstellen und konnte frei wählen. Auch die Wasserführung und Dichtung funktionieren trotz der starken Winkelneigungen zuverlässig.“

 

Beste innere Werte: Urabls Modellstudie zum Lichtverlauf
Beste innere Werte: Urabls Modellstudie zum Lichtverlauf

Doch der Wärme-Eintrag bereitete ihm Kopfzerbrechen. Seine Lösung: zwei unterschiedlich ausgeführte Oberlicht­flächen. Die eine ist verlaufend bedruckt, etwa wie bei der Elbphilharmonie in Hamburg. Die andere ließ Urabl mit einem homogenen Punktraster versehen. Aber er benötigte weiteren thermischen Schutz und wählte für die äußere Scheibe Verbundsicherheitsglas, also mehrschichtiges Glas, in dessen Zwischenraum ein Metallgewebe einlaminiert ist. Und er plante Lüftungsflügel ein, die tageszeiten­abhängig gestaffelt geschaltet werden – nachts öffnen sie sich, um kühle Luft hereinzulassen, vormittags schließen sie sich wieder, bevor der Wärme-Eintrag zu groß wird. 

Ein Glasdach wie ein Alpengipfel – Urabls goldene Idee verdiente eine Ver­edelung. Und so tauchte er das gesamte Gebäude in Edelmetall: Während im Glasdach das Metallgewebe bronzen schimmert, umschließt eine zweischichtige Fassade aus goldgefärbtem Well­blech und natureloxiertem Aluminium den restlichen Komplex. Der Architekt: „Bei Tag glänzt die Hülle silbern im Sonnenlicht, bei Nacht glüht sie golden.“

Scribble des Architekten: eine Stahlkonstruktion als Korbstruktur
Scribble des Architekten: eine Stahlkonstruktion als Korbstruktur

Tanz der Elemente

Über 2.200 qm Glasdachfläche und mehr als 2.300 qm Fassadenfläche prägen den neuen Fischapark in Wiener Neustadt. Was intensiver Planung bedurfte, wirkt am fertigen Objekt tänzerisch leicht: Architekt Philipp Urabl setzte auf das Pfosten-Riegel-Fassadensystem THERM+ H-I und vereint darin unterschiedliche Einsatzfenster. Für die beiden „Cones“ kamen 26 Exemplare des WING 50 SK-R zum Einsatz, bei den weiteren Dachflächen 68 Exemplare der WING 105 – beide in rauten- bzw. trapezförmiger Ausführung. Und für die Öffnungen in der Fassade setzte er auf 18 Blockfenster FRAME+ 75 WB.

Kreuzungspunkt in der Fläche: Fassadensystem THERM<sup>+</sup> H-I
Kreuzungspunkt in der Fläche: Fassadensystem THERM+ H-I