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Im Auftrag der Sicherheit
Text: Andrea Jall | Fotos: Schmidt Hammer Lassen Architects / Photographer Adam Mork

Im Auftrag der Sicherheit

Windlast, Luftdurchlässigkeit und Schlagregendichtheit testen, Feuer entzünden und sich mit Einbrechern anlegen: Das gehört zu ihrem Job. Tobias Sigg, Bernd Seemüller und Oliver Döring (v. l.) bilden das Prüfungsteam von RAICO. Ihr Auftrag: Der Sicherheitscheck der Produkte. Wann immer es um Neues und Extremes geht, schlüpft die Spezialeinheit in ihre Montur. 

„Aaaachtung! Ich schieße jetzt scharf!“ Es knallt ohrenbetäubend. Achtundvierzig Mal. Stille. Niemand ist zu sehen. Doch – da hinten bewegt sich plötzlich etwas! Ganz langsam. Genau so langsam verfliegen der Dunst und der Geruch des Schießpulvers in der Luft.

Klingt wie der Beginn eines Action-Thrillers, ist aber eine spezielle Produktprüfung. Schauplatz ist nicht Hollywood, ­sondern das schwäbische Ulm. Genauer gesagt das dortige Beschussamt, die einzige Prüf- und Zertifizierungsstelle für Waffen-, Munition- und Sicherheitstechnik in Baden-Württemberg – eines der modernsten Institute dieser Art.

„Aaaachtung! Ich schieße jetzt scharf!“
„Aaaachtung! Ich schieße jetzt scharf!“

Alles beginnt im Herbst 2014, als der Vertriebsmitarbeiter ­Philipp Thüsing bei unserem Objektservice anruft. Er habe da ein tolles Projekt, eine echte Herausforderung: Die Firma Glas Wagener aus Kirchberg in Rheinland-Pfalz solle im Auftrag des Duisburger Bauherrn BLB und in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro FPS Funke Popal Storm aus Oberhausen den sechsgeschossigen Neubau des Polizeipräsidiums Mönchengladbach realisieren. Für die Umsetzung ist das Fenstersystem FRAME+ 90 WI als Festverglasung vorgesehen. Die zertifizierte Einbruchhemmung RC3 ist bereits im Programm, noch fehlt aber das Zertifikat für die bestandene Durchschussprüfung. Damit fällt der Startschuss für Werner Wölfle, Abteilungsleiter des RAICO-­Objektservices, und sein Team. Es wird recherchiert, gescribbelt, radiert – und nach etlichen gemeinsamen Brainstormings, Besprechungen und Berechnungen fällt das Team das einhellige Urteil: „Unsere Profile können das.“ Jetzt geht es darum, dieser Idee einen (zertifizierten) Stempel aufzudrücken. 

Geprüft gegen Einbruch, Explosion und Kugelbeschuss: Die Fassade des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag
Geprüft gegen Einbruch, Explosion und Kugelbeschuss: Die Fassade des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag

Dann der Härtetest im Ulmer Labor: Dort steht ein 1,3 x 2 Meter großer und knapp 430 kg schwerer Prüfkörper, der bei einer konstanten Raumtemperatur von 21 Grad absolut fest gesichert ist. Und dann Action! Aus nur fünf Metern Entfernung wird die Scheibe mit einer 44er Remington Magnum und einer 357er Magnum beschossen. Beim RAICO-­Produkttest wird auf die relevanten Punkte mit jedem Kaliber dreimal gefeuert – insgesamt 48 Schüsse. Jeder davon legt bis zu 440 +/- 10 m/s zurück.  

„Das sieht gut aus!“ Tobias, Bernd und Oliver nehmen gemeinsam mit dem Sicherheitstechniker des Instituts den beschossenen Prüfkörper in Augenschein. Die RAICO 90 FRAME+ WI Festverglasung hat ihre „Feuertaufe“ im wahrsten Sinne des Wortes bestanden. Kein einziges Projektil ist in den Innenraum eingedrungen, keine Spur von Glassplittern auf der Innenseite des Prüfkörpers. Außerdem hielt das System – als erstes überhaupt – auch dem sogenannten „90°-Glaskantenschuss“ stand. Mission erfüllt, Zertifikat BR4 NS in der Tasche.

Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag
Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag

Ebenfalls Kugelsicher: der Internationale Strafgerichtshof. Dass RAICO mit seinen Produkten immer wieder hohe sicherheitsrelevante Anforderungen realisieren kann, zeigt auch der Neubau dieses Sicherheitskomplexes in Den Haag, der letztes Jahr fertiggestellt wurde: Das Gebäudeensemble ist mit seiner umlaufenden Glasfassade so konstruiert, dass es sich optimal in die niederländische Dünenlandschaft integriert. Aber: „Eine besondere Herausforderung bei der Umsetzung des Gebäudes waren die hohen Sicherheitsauflagen des Internationalen Strafgerichtshofs gegen Einbruch sowie gegen Explosionen und Kugel­beschuss“, so Projektarchitekt Pim IJsendoorn. Die gigantischen Glaselemente mit bis zu 75 mm Stärke wogen teilweise 1,2 Tonnen – ohne Spezialkonstruktion undenkbar. Eingesetzt wurde dafür das Pfosten-Riegel-System THERM+ S-I mit einer Profilbreite von 76 mm.

Burg aus Glas: Die Foyerfassade des neuen Internationalen Gerichtshofs in Den Haag umfasst 2.000 qm und besteht aus 1,20 m sowie 2,40 m breiten und 3,50 m hohen Glaselementen. Einige davon sind 75 mm dick und wiegen 1,2 Tonnen, um der vorgegebenen Einbruchsklasse RC5 gerecht zu werden. Bei der Ausbildung der Erdgeschossfassaden mit ihren hohen Sicherheitsauflagen kam das RAICO-System THERM+ S-I zum Einsatz.

Eine Burg aus Glas
Eine Burg aus Glas